Kindergartenkritik

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Erhöhung der Gruppenstärke? – Nicht mit uns!

Was länger schon als Damoklesschwert über der größten Stadt des kleinsten Bundeslandes schwebte ist nun Ende Mai 2017 Realität geworden: Die Senatorin für Kinder und Bildung der Freien Hansestadt Bremen, Frau Dr. Claudia Bogedan, verkündete die Erhöhung der Gruppenstärke der Kindergartengruppen um 1 weiteres Kind pro Gruppe auf 21 Kinder.

Ein Beitrag von Kita-Leiter Daniel Frömbgen

Foto: imago photoatelier

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Ehrlich gesagt verkündete sie dies erst, nachdem es durch die örtliche Presse gesickert war, zwei Tage vor der geplanten Personalversammlung des größten Bremer Kitaträgers, dem Eigenbetrieb der Stadtgemeinde Bremen, KiTa Bremen. Böse Zungen behaupten, es wäre der senatorischen Behörde lieber gewesen, diese Entscheidung erst in der Woche nach der Personalversammlung zu veröffentlichen.

Habt euch doch nicht so?

Ein Kind mehr, die pädagogischen Fachkräften sollten sich jetzt aber mal nicht so anstellen, schallt es aus den lauten Kehlen jener, die am wenigsten Fachkenntnis besitzen, das müsse doch zu schaffen sein. Und überhaupt, laut der jährlichen Bertelsmann-Erhebung hätte Bremen doch sowieso mit den besten Personalschlüssel bundesweit im Vergleich der Bundesländer. Dass diese Berechnung der Vergleich von Äpfeln mit Birnen ist, weil unterschiedliche Berechnungsparameter der Bundesländer negiert werden und in Bremen in die Berechnung sämtliche Personalstunden in den Kitas mit in die Berechnung einfließen, also auch Leitungsstunden, Küchen- und Reinigungsstunden, sowie die Vorbereitungs- und Kooperationsstunden der pädagogischen Fachkräften, fällt dabei geflissentlich unter den Tisch.

Kinderinteressen vs. Kinderinteressen

Aber die Alternative wäre doch, dass einige Kinder gar keinen Kitaplatz bekämen, es könne doch nicht im Interesse der Kritiker*innen dieser Entscheidung sein, diese Kinder unversorgt buchstäblich auf der Straße stehen zu lassen. Förderung in einer vollen Gruppe sei doch immer noch besser als sie gar nicht am Kitaleben teilhaben zu lassen, lautet der perfide Vorwurf. Hier werden in erster Linie Kinderinteressen gegen Kinderinteressen ausgespielt, ohne dass die Betroffenen gefragt oder überhaupt informiert werden, geschweige denn sich zur Wehr setzen können.

Selbstgemachte Not

Die zugegeben große Not an Kindergartenplätzen in Bremen kommt nicht über Nacht und ist nicht das Resultat irgendeines plötzlichen, unvorhergesehenen Ereignisses. Es ist das Ergebnis jahrelanger Versäumnisse in der Bremer Sozial- und Bildungspolitik und wird nun auf dem Rücken der Schwächsten, nämlich der der Kinder ausgetragen.

Dazu auf eine Art, die aufgrund ihrer Unehrlichkeit und Perfidität nur schwer zu ertragen ist. Schon am Anfang des Jahres 2017 hat das Bremer Ressort für Kinder und Bildung das Aufstellen von sogenannten Modulbauten, früher mal Container genannt, auf den Außengeländen Bremer Kitas mit dem blumigen und beschönigendem Begriff der „Kita im Garten“ benannt, anstatt das Problem beim Namen zu nennen: hier werden Binnenräume für Kinder auf Kosten von Butenräumen für Kinder geschaffen. Für die betroffenen Einrichtungen heißt das: sie haben jetzt mehr Kinder, aber weniger Platz!

Alles doch gar nicht so schlimm?

Nun also das 21. Kind in einigen Gruppen. Nein, nicht in allen Gruppen heißt es beschwichtigend, nur da wo die Not am größten sei. Die meisten Kinder und die größten Engpässe gibt es aber eben genau dort, wo eh schon die meisten Kinder aus armutsbelasteten Familien mit multipler Deprivation kommen. Da es sich dort aber auch meist um unterprivilegierte Eltern handelt, ist auch die Stimme des Proteste dort nicht so laut, es trifft aber wieder die Kinder, die es eh schon am Schwersten haben.

Die Alibiargumentation

Das 21. Kind sei vor allem deshalb notwendig geworden, weil es einen unerwarteten hohen Zuzug von Familien mit Fluchterfahrung gegeben hat, die man doch auch alle mit einem Platzangebot bedienen müsse, mindestens so dringend wie alle anderen. Das stimmt, ist aber nicht der Kern des Problems. Im Bremer Stadtteil Woltmershausen beispielsweise haben örtliche Akteure aus Kitas, Schulen und Beiräten jahrelang darauf hingewiesen, dass im Stadtteil drei Neubaugebiete entstehen. Über einen langen Zeitraum ist dennoch keine einziger Kindergarten- und kein einziger Schulplatz dazu gekommen. Neubaugebiete entstehen nicht über Nacht, und nun wo sie fertig sind und, oh Wunder, Familien mit Kindern in den Stadtteil ziehen, ist die Not auf einmal groß! Wir haben keine Kapazitätsprobleme aufgrund von Kindern mit Fluchterfahrung, wir haben ein Kapazitätsproblem aufgrund von Kindern mit Neubaugebietserfahrung! Dies ist ein politisches Versäumnis, das nun auf dem Rücken der Kinder, deren Familien und den eh schon überlasteten pädagogischen Fachkräften ausgetragen werden soll. Selbst wenn die Notwendigkeit aufgrund von Kindern mit Fluchterfahrung gestiegen wäre: fragt man Expertinnen und Experten, was diese Kinder im Besonderen benötigen, nachdem sie teilweise stark traumatisierende Erfahrungen und Erlebnisse mit Enge während ihrer Flucht gemacht haben, dann antworten diese : vor allem brauchen diese Kinder Platz!!!

Beschwichtigungsversuche

Das 21. Kind wird nun gekoppelt an das Versprechen der Behörde als Ausgleich mehr Stellen zu schaffen. Nur schaut man sich schon jetzt die Arbeitsmarktlage an, fragt man sich wo diese Fachkräfte herkommen sollen. Der Arbeitsmarkt ist schon jetzt leergefegt, diese Situation wird sich in den nächsten Jahren sukzessive verschlechtern, so dass dies nur als Alibialternative und schlechter Beschwichtigungsversuch gelten kann. Abgesehen davon, dass von zusätzlichem Personal kein einziger Binnen-oder Butenraum größer wird, können ja heute schon die bestehenden Stellen kaum besetzt werden. Für die Eltern und betroffenen Familien ändert sich de facto wenig, für die Behörde hingegen auf dem Papier sehr viel: Ein nicht geschaffener Platz kann aufgrund des bestehenden Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten vollendeten Lebensjahres eingeklagt werden. Ein aufgrund des 21. Kindes in den Gruppen zwar zugesagter Platz, der aufgrund von fast ständigen Notdiensten, die auf den Personalmangel zurück zu führen sind, aber in der Realität fast ständig ausfällt, ändert für die Kinder und Familien wenig bis nichts. Betreuung zuhause bleibt Betreuung zuhause. Allerdings fällt die Einklagbarkeit weg, da haben wir es halt mit höheren Mächten zu tun. Dass die eh schon hohe Krankheitshäufigkeit bei pädagogischen Fachkräften, die auf die extreme Belastung aufgrund der immer höheren Erwartungen auf der einen Seite und der immer schlechter werdenden Arbeitsbedingungen auf der anderen Seite zurückzuführen ist, sukzessive mit noch mehr zu betreuenden Kindern in der Gruppe steigen wird, ist zu prophezeien kein Hexenwerk. Ich verweise in diesem Zusammenhang u.a. auf die vor wenigen Jahren erschienene iaw-Studie zur Krankheitsbelastung von Erzieherinnen und Erziehern.

 Es ist wie es ist?

Ja, kann man nun sagen, ist vielleicht alles nicht so glücklich gelaufen, aber die Situation ist nun jetzt einfach mal so wie sie ist, und dann müssen wir halt alle zusammen mal für ein paar Jahre die Zähne zusammen beißen, bis die Situation entschärft ist.

Dieses unverschuldete Dilemma zu lösen ist nicht Aufgabe von Pädagog*innen und Kindern!

Verantwortungsübernahme!

Die Aufgabe von Pädagog*innen ist es, Verantwortung zu übernehmen. Und ich als Leiter eines Kinder- und Familienzentrums übernehme Verantwortung im Sinne meiner Fürsorgepflicht gegenüber Mitarbeiter*innen und Kindern in meiner Einrichtung. Da ich den Anspruch habe, dieser Verantwortung gerecht zu werden, ich habe nämlich auch den berühmten Spiegel bei mir im Hausflur, an dem ich weiterhin vorbei gehen und herein schauen können möchte, habe ich die Entscheidung getroffen, mich der Aufnahme des 21. Kindes in den Gruppen meiner Einrichtung zu verweigern! Und ich habe alle meine Kitaleitungskolleg*innen in Bremen aufgefordert es mir gleich zu tun, und bin froh, dass die Teilpersonalversammlung Kitaleitungen von KiTa Bremen in meiner Abwesenheit am 01.06.2017 denselben kollektiven Beschluss gefasst hat! Dabei geht es nicht um Krawall! Aus Gründen der Fürsorgepflicht gegenüber unseren Mitarbeiter*innen und aus Gründen des Kinderschutzes und der Wahrung der Kinderrechte ist es wichtig, politischen Ungehorsam zu üben und „Stopp“ zu sagen. So, wie wir es den Kindern doch auch beibringen, sich abzugrenzen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt.

Fazit

Es gibt wahrscheinlich keine guten Lösungen für dieses Dilemma, aber dieses ist die denkbar Schlechteste. Bessere sollten von den Verantwortlichen entwickelt werden, die den Karren in den Sand gefahren haben.

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