Kindergartenkritik

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Bevor noch ein Kind aus einem Kitafenster fällt

Leser der Fachzeitschrift „Baunetz“ geizten nicht mit Lob für die in 17 m Höhe errichtete Nürnberger Kita „Wolke 10“.

Auf dem Dach eines innerstädtischen Parkhauses dürfen seit dem Sommer 2015 bis zu 50 Kindergarten- und 36 Krippenkinder betreut werden.

„Chapeau, genial, super. Nachhaltig… Tolle Idee und mutig. Ausgezeichnet, fantastisch, toll, herausragend, super, großes Lob! Klasse, tipptopp, grandios!“

Auszüge aus Kommentaren: vgl.: Artikel aus der Fachzeitschrift BauNetz vom 18. August 2015

Refugium_Isemann

 

 

 

 

Foto: Dieter Isemann

Verglichen mit  anderen Dachgeschosskitas schneidet Kita Wolke 10 gut ab. Das Außengelände bietet mit 1200 qm Spielfläche Kindern sogar mehr Platz als mancher ebenerdige Kindergarten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es während der Öffnungszeit dieses oder eines anderen Kindergartens je zu einem Brand kommt, der Kinder und Erzieher gefährdet, ist gering. Gering heißt „nicht auszuschließen, dass es passiert“. Auch die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kindergartenkind im Kindergarten aus großer Höhe abstürzt oder sich an Gittern oder Fangnetzen stranguliert, ist gering, aber keineswegs ausgeschlossen.

Warum gibt es überhaupt Hochhauskitas?

Großeltern heutiger Kindergartenkinder zogen als junge Eltern oftmals bewusst von der Stadt aufs Land, damit ihre Kinder den Autoabgasen weniger stark ausgesetzt waren, damit ihre Kinder möglichst noch im eigenen Garten spielen konnten.  Heute hingegen nehmen hoch gelegene Kitas ihre Entfernung zu den Hauptverkehrsadern der Stadt als Pluspunkt für sich in Anspruch. Die Grundstückspreise in den Innenstädten der Metropolen sind hoch. Grundstücke mit einem für Kinder geeigneten Außengelände sind rar. So wird verstehbar, dass Politiker an den Eröffnungsfeiern von mehrgeschossigen Kitas teilnehmen und deren Dachterrassen loben.

„Wieso hast du wieder deine Mütze ausgezogen? Deine Mama schimpft mit mir, wenn du wieder Mittelohrentzündung kriegst.“  – „Heute ist es wieder seeeehr windig! Alle Kinder ziehen ihre Mützen an! – Alle, hab´ich gesagt!“

Eine Floskel besagt, dass man Kinder nicht in Watte packen solle. Warm genug sollen die lieben Kleinen allerdings schon angezogen werden. Kinderhaut ist feuchter als die Haut Erwachsener und kühlt deshalb schneller aus. Schützen kleine, coole Sonnenbrillen Kinder in luftiger Höhe eigentlich vor den nicht ansteckenden Bindehautentzündungen?

Spezielle Brandschutzübungen für spezielle Kitas?

Welche Regelungen gelten für die Brandschutzübungen in Hochhauskitas? Holt man dort Kinder übungsweise einmal im Jahr mit dem Helikopter ab? Oder sollen Erzieherinnen ausgewiesene Fluchtwege nutzen, die ansonsten vielleicht verbotswidrig versperrt sind, damit kein Kind entweichen kann? Sollen Kinder stets so wie sie gerade gekleidet sind, schnellstmöglich ins Freie geführt und getragen werden? Ohne Anoraks, Schuhe und Mützen? Auch bei Minusgraden?

Noch nie hat der Wind Kinder von den Dächern ihrer Hochhauskitas geweht.  Bloß keine Panikmache! Hochhauskitas sind eine Spitzenidee! Nachdem sich die Investitionen in eine Dachgeschosskita amortisiert haben und der langfristige Mietvertrag ausgelaufen ist, kommt Freude auf! Ein schickes Penthouse  über den Dächern der Stadt! – Cheers!

 

Erzieherinnen wollen keine Fehler machen

Ideale Orte zur Kinderbetreuung sind Krippen und Kitas, die per Aufzug oder über viele Treppenstufen erreicht werden, nicht. Spätestens wenn Erzieherinnen in ihnen arbeiten, lernen sie die Nachteile kennen. Steht ein Ausflug mit der gesamten Gruppe an (weil auf dem Dach der Kita gerade der Wind allzu heftig weht), wird es immer wieder passieren, dass ein fertig angekleidetes Kind  an einer Erzieherin zupft und sagt  „Ich muss mal!“

„Alle die fertig sind, setzen sich auf die Bank. Nein, Rufus! Nicht den Schneeanzug wieder ausziehen!“ – „Mir iss au ssu heiss.“ – „Wo ist Tabea abgeblieben?“ – „Nein! Du kannst dich schon allein anziehen. “ – „Jussuf! Jacke an! Wir gehen raus!“– „Ihr treibt mich noch in den Wahnsinn!“

Erzieherinnen schaffen es immer wieder, klemmende Reißverschlüsse auf- oder zuzuziehen. Sie helfen Kindern dabei, ihre Fingerhandschuhe richtig anzuziehen, während sie sich insgeheim vielleicht ärgern, dass Eltern ihrem  Kind keine Fäustlinge gekauft haben. Wenn ein Kind auf eine mit einem Kunstrasen belegte Dachterrasse erbricht, werden sie das Erbrochene wegwischen. Das Kind kann ja nichts dafür…

 

Kiel: Am 3.6.2013 stürzte in Kiel ein Fünfjähriger circa acht Meter tief aus dem Fenster seiner Kita im dritten Stock.

Bad Lauterberg: Am 2.6.2014 fiel ein Zweijähriger vier Meter tief aus dem Fenster des Schlafraumes seiner Kita.

Freital bei Dresden: Am 14.6.2014 stürzte ein dreieinhalb Jahre altes Mädchen circa 5 Meter tief, nachdem sie es geschafft hatte, einen Fenstergriff in 2,80 m Höhe zu öffnen. Sie war versehentlich im Gruppenraum eingeschlossen worden.

Hannover: Am 6.11.2014 fiel eine Zweijährige aus dem Fenster des Personalzimmers. Der Unfall geschah, als sich Kinder, Eltern und Erzieherinnen versammelt hatten, um gemeinsam am Sankt-Martins-Zug teilzunehmen. Durch seinen Sturz aus vier Metern Höhe trug das Mädchen lebensgefährliche Verletzungen davon.

Wie oft schaffen Erzieherinnen es, in letzter Sekunde einen schweren Unfall zu verhindern? Wie oft fällt Eltern oder Nachbarn auf, dass ein Fenster eines Obergeschosses oder ein Fenster im Treppenhaus während der Betreuungszeit der Kinder offensteht? Wie oft schaffen Kinder es, heimlich eine Verriegelung zu öffnen?

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